1. Mai Berlin: Nationale Antikaps [Demobericht]
[aktionsberichte], [national] Kommentar hinterlassenDie Sonne schien, die Vögel zwitscherten und der Himmel war klar. Ein perfekter 1.Mai, um den Etablierten die rote Karte zu zeigen und soziale Unruhen zu schüren.
Der Morgen begann früh und die ersten Anfeindungen von beiden quer zu uns gestellten Lagern erfolgten schon zur Morgenstunde auf dem Magdeburger Bahnhof. Aber das war kein Grund für uns, den Protest nicht auf die Straße zu tragen, sondern eher eine Ermutigung. Mensch ist ja nichts anderes gewöhnt von solch grenzdebilen Elementen.
Hey das geht ab – wir starten heut den Klassenkampf
So kamen wir ca. um 10 Uhr morgens in Berlin an. Die Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes war schon in vollem Gange und so reihten wir uns im „Klassenkämpferischen Block“ ein. Von Anfang an war von Seiten der reformistischen und systemangepassten Gewerkschaftler zu bemerken, dass die Teilnahme des Klassenkampfblockes unerwünscht war. So platzierte die Demoleitung des DGB den wohl stärksten Block der gesamten Veranstaltung am Ende der Demonstration. Diese Logik erschließt sich sicherlich nur wenigen. Die Ordner hatten einen Krankenwagen vor dem Block postiert, der die Anweisung hatte, die sozialrevolutionären Störenfriede nicht durchzulassen, aber mensch überholte ihn relativ schnell. Im späteren Verlauf versuchte der Krankenwagen, den Block wiederholt zu überholen oder hat versucht, mit der Benutzung der Sirene zu stören, was aber lautstark übertrumpft wurde. Als alles nichts half, hat sich die Demoleitung mit der Polizei kurzgeschlossen. Diese versuchte, eine Ausgrenzung zu erzwingen, welche natürlich durch einen erfolgreichen festen Zusammenhalt abgewehrt wurde, und konnte auch nichts daran ändern, dass aufrechte Sozialisten und Sozialistinnen in den Reihen der Gewerkschaftler und Gewerkschaftlerinnen mit marschierten. So war das einzige, was die Systemwächter tun konnten, neben den Block die ganze Zeit Spalier zu laufen und mehre Video- und Foto-Aufnahmen zu machen.
Am Ende hat die Polizei noch versucht, die Personalien des Lautsprecherwagenfahrers festzustellen, was aber ebenfalls durch ein solidarisches Einschreiten verhindert wurde. Während der Demonstration wurde unter anderem „die Internationale“ angestimmt. Schade nur, dass die Demonstration nicht geschlossen mitsang. Aber auch wurde verkündet, dass Sechzig Jahre BRD genug seien. Dem konnten wir nur zustimmen. Ferner fanden wir den Versprecher am Anfang, mensch distanziere sich von jeder Form von Antifaschismus, ganz witzig, konnten uns diesem Fauxpas aber nicht anschließen. Aber generell haben uns die vielen Parolen, die gerufen wurden, gezeigt, dass sich weite Teil der „Linken“ und gerade die, die sich als „Kommunisten“ sehen, beileibe nicht einig sind, welche Position sie vertreten wollen: Ob nun eine regionale soziale die auf die Bedürfnisse der Menschen eingeht und die schlussendlich auch in die globale Befreiung führt oder ob doch eine sehr abstrakte weltfremde, wo mensch nur auf sich fixiert ist und die eben keinerlei Lösung bieten kann.
Das größte Trauerspiel war aber wohl – was eigentlich schon abzusehen war – die Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Neben den wohl übelsten reformistischen und antiemanzipatorischen Systemhetzreden waren die „künstlerischen Acts“ unter aller Sau. In einem Beitrag verteidigte sich ein Busfahrer gegen Gewalt, die er durch zwei Jugendliche erlitten hatte, weil er deren Fahrkarte verlangte. Einigen von uns legte sich der Verdacht nahe, dass es sich durchaus bei den Jugendlichen um Menschen mit „Migrationshintergrund“ handeln könnte. Das wäre jetzt nicht weiter schlimm, da die Gewalt auch von jedem anderen Inländer ausgehen könnte, aber wir wollen das nur erwähnen, denn wenn in diesem Falle ein Deutscher einen Migranten drangsaliert hätte, wären die Aufschreie mal wieder nicht groß genug ausgefallen. Durchaus ist die Gewaltanwendung gegen Busfahrer zu verurteilen, doch sind die Fahrpreise zumeist überteuert, sodass sich Schwarzfahren in manchen Städten beinahe schon lohnen würde. Zu dieser Straftat rufen wir selbstredend nicht auf, es handelt sich hier nur um eine rein oberflächliche Kalkulation des Preisniveaus. Desweiteren schob mensch eine Kindermusikgruppe vor, die einem musikalisch davon berichtete, dass sie Ausländer wären, die Ausländer immer mehr werden und dass wir auch Ausländer sind. Das trifft durchaus zu, aber das interessiert/tangiert doch nun wirklich niemanden – und was das im Endeffekt mit dem Kampftag der Arbeiterklasse zu tun hat, bleibt wohl außen vor. Mal ganz von dem tollen „Kabarett“ abgesehen, vor dem die „Volksmassen“ buchstäblich geflüchtet sind. Daran zeigte sich, dass die Unterstützung für Lügen und Phrasen zwar recht hoch, aber noch nicht bei allen fest verankert ist.
Nach dem ereignisreichen Vormittag haben wir mit dem Gedanken gespielt, einmal zu schauen, was die alten Kameraden der NPD in Köpenick auf ihrem „Volksfest“ treiben. Lange Rede und kurzer Sinn, so haben wir uns auf den Weg gemacht. In Köpenick angekommen, wussten wir sofort, wo wir waren. Der Nazilifestyle ist eingezogen und so war zu beobachten, dass das gesamte Weltbild gewisser Zeitgenossen auf ein einziges T-Shirt passt. Einmal angekommen, wollten wir uns auch auf den Weg zum „Volksfest“ machen. Weit kamen wir nicht, da sowohl die Polizei, als auch der sog. Nationale Widerstand uns zum dubiosen Milieu der selbsternannten „Antifa“ zählten. So wurden einige aus unserer „Reisegruppe“ mit den Worten „Ihr Scheiß-Zecken“ beleidigt. Mehr geistigen Tiefgang hätten wir auch nicht erwartet. Es ist erstaunlich, wie schnell mensch in „Polit-Deutschland“ in eine Schublade gestopft wird, ohne auch nur eine einzige Unterhaltung geführt zu haben. Das Problem folgte aber eher danach. Als wir nun wieder zum S-Bahnhof zurückkehren wollten, erteilte uns die Polizei einen erneuten Platzverweis. Warum ist uns bis heute nicht verständlich, da wir lediglich den Bezirk verlassen wollte, aber die Polizisten waren wahrscheinlich nur über unsere Gesundheit besorgt, weshalb sie uns, die sie als vermeintliche Antifas identifiziert hatten, auch in Richtung der abziehenden Nazis schickten.
Politik muss nicht immer politisiert sein
Um 18 Uhr formierten wir uns an der Demospitze der „revolutionären Maidemonstration“ der verschiedensten linken Organisationen in Kreuzberg. Die Redebeiträge waren sehr erfrischend, abwechslungsreich und auch interessant, genau so wie die „künstlerischen Acts“ wie Sinan. Die Stimmung war gut und man war bereit, der sozialen Unruhe endlich freien Lauf zu lassen. Auch viele anpolitisierte oder unpolitische Menschen strömten herbei, um sich die Redner und Live-Acts anzuhören und applaudierten begeistert.
Der Demonstrationszug startete nun mit etwas Verspätung. Nicht einmal 5 Minuten vergingen, als es zu den ersten Konfrontationen mit der Polizei kaum. Die ersten Steine, Flaschen und Pyros flogen und mensch dachte sich schon, dass die Demo nun wohl nicht mehr lange dauern würde. Aber der Demonstrationszug formierte sich wieder und ging weiter. Nach nur kurzer Zeit kamen wir an eine Kreuzung. Die Polizei verwehrte uns die weitere Route, und wieder flogen allerlei Gegenstände. Manche Leute aus der gefühlten achtzigsten Reihe waren sogar so sehr „Held“, dass sie es schafften, einen Stein in die fünfzigste Reihe auf die eigenen Leute zu werfen. Wirklich alle Achtung, und das Schlimme daran: Dieses Szenario wiederholte sich noch öfters.
Als die Polizei dann anfing, zu drücken und zu schieben, hat mensch wieder mal das wahre revolutionäre Potenzial des „Black Blocks“ gesehen. Es tendierte auf einmal gegen Null. Dumme Parolen rufen kann wirklich jeder, aber Widerstand leisten, egal wie unsympathisch die Berliner Polizei sein mag – und das ist sie wirklich -, ist es schon ein bisschen mehr. So kam es, dass gerade mal die ersten sechs Reihen versuchten, bestmöglich gegenzuhalten. Obwohl genug Leute da waren, wurde von hinten nicht mal ansatzweise versucht, gegenzudrücken. Besonders widerständisch fanden wir auch, als sich die zweite Reihe entschloss, geschlossen aus dem Block herauszutreten und anfing, herumzujammern. Warum sich diese „Aktivistinnen und Aktivisten“ überhaupt in den „BB“ einreihten, war uns nicht ganz verständlich. Zwar kommen auch immer neue junge, unerfahrene Leute hinzu, aber wer sich im „BB“ einreiht, sollte sich klar darüber sein, dass es etwas härter werden könnte.
Nachdem die Polizei wieder nachgab und sich zurückzog, folgte ein kurzer Ausbruchsversuch, um der Polizei endlich zu zeigen, wer die Demo leitete. Der Block formierte sich in neuer Konstellation und rückte langsam vor. Als auf einer Seite Transparente zum Schutz fehlten und wir die Demoleitung darauf aufmerksam machten, die nur desorientiert herumbrüllte, warum die Hauptdemo nicht nachkam (was wohl auf den stark alkoholisierten Zustand zahlreicher Demoteilnehmer zurückzuführen war), wurde mensch nur angemault. Demoleitung kann scheinbar heutzutage jeder geistig Zurückgebliebene machen. So kam es auch wieder, dass die Polizei wieder auf uns zu vorrückte. Nicht nur, weil keiner von hinter nachkam (warum auch, wenn mensch sich lieber seinem Bier hingibt), nein, auch weil auf einer Seite eben keine Seitentranspis vorhanden waren. So traten die Polizisten in die Frontleute herein, was uns abermals zum Rückzug zwang. Jedoch wurde sich schnell neu geordnet, neue Leute mitgezogen, die noch nicht total verblödet oder besoffen waren oder nur „Revolution“ spielen wollten, und der Zug setzte seine Route fort. Nach diesen Ereignissen wurden nun noch mehrfach Parolen gerufen, die sich gegen die Polizei richteten. Auf dem Weg zur Abschlusskundgebung wurden auf einem Haus ein Transparent entrollt und Handzettel geworfen. Diese Aktion wurde sehr begrüßt, auch diese Form des Protestes machte auf die sozialen Probleme aufmerksam, die es hier reichlich gibt. Auch wurde an einer anderen Stelle auf einem Häuserdach eine Antifafahne gehisst, was viele sehr begrüßenswert fanden. Dennoch kam es dazu, dass die Polizei unsere Demo immer wieder stoppte. Darum entschloss sich die ohnehin schon überforderte Demoleitung, die Route zu verkürzen. Es folgte ein etwas längerer Zwischenhalt, den augenscheinlich viele Krawalltouristen nutzten, um in die Demo einzusickern und sich ungestört durch politische Inhalte auf die vorprogrammierten „Maifestspiele“ vorzubereiten.
Als wir dann am Abschlusskundgebungsplatz ankamen, wurde auch schon nach kürzester Zeit die Demo aufgelöst. Es dauerte nicht lange, und die Auseinandersetzungen mit der Polizei fingen an, die auch schnell zu Tränengas griff. In mehren „Hit and Run“-Aktionen, wobei der „Hit“ meist ausblieb, kam es schließlich dazu, dass jemand aufs brutalste von der Polizei zusammengeknüppelt am Boden lag und Blut spuckte. Teile unserer Truppe und andere Demonstranten und Demonstrantinnen eilten zur Hilfe und bildeten einen schützenden Kreis um ihn und die zu Hilfe geheilten Sanitäter. Einige streckten die Hände nach oben um den direkt vor uns stehenden Polizisten zu zeigen das wir wehrlos waren. Schließlich zog sich die Polizei auch zurück, und die Sanitäter wollten den Verletzten aus der Gefahrenzone bringen. Leider brachten einige Personen zu diesem Zeitpunkt eine Ampel zu Fall, Diese stürzte genau auf die Sanitäter und den schützenden Kreis. Just in diesem Augenblick kam auch die 23. Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei angestürmt und rammte alles weg – einschließlich der Sanitäter. Um nicht noch mehr Schläge zu kassieren, waren wir zum Zurückweichen gezwungen. Dass einige jetzt Steine auf die Polizisten warfen, ist verständlich. Dass sich dort aber noch die Sanitäter und der Verletzte befanden, schien vielen allerdings egal zu sein. So wurde trotz des Bittens einiger Demonstranten und Demonstrantinnen der Hagel der Wurfgeschosse nicht eingestellt. Übel war auch die Taktik von gewissen Kleingruppen unpolitischer Randalierer und Jugendlicher mit Migrationshintergrund, sich unter Unbeteiligte zu mischen, schnell ein paar Feuerwerkskörper, Steine oder Flaschen auf die Polizei zu werfen, sich dann aus dem Staub zu machen und besagte Unbeteiligte die Zeche zahlen zu lassen. Scheinbar sind Mitdenken und Rücksichtnahme in Zeiten der „antinationalen Solidarität“ auch nicht mehr notwendig, Hauptsache mensch kann etwas werfen. Nachdem unsere Truppe getrennt wurde, eroberte die Polizei den Abschlusskundgebungsplatz und zwang alle zum Verschwinden. Wir entschlossen uns dann ebenfalls, das Feld zu räumen, da das Vorgehen der Polizei auch immer brutaler wurde und immer mehr Menschen sich lieber endgültig dem Alkohol hingaben.
Unser Fazit ist: Die politischen Ziele kommen natürlich an solchen Tagen zu kurz, aber dass von vornerein keinerlei Ziele vorhanden sind, lässt doch ein eher ärmliches Licht auf den deutschen antikapitalistischen Widerstand fallen, wenn mensch das mit andern Ländern vergleicht. Verglichen mit der Klassenkampfdemo am Vormittag kann man der revolutionären Maidemo in Kreuzberg nur bescheinigen, dass sie in sinnentleerter Randale endete und von vornherein an erheblichen organisatorischen Mängeln litt.
[autorenkollektiv.sam]
